Ob Oasis
oder Red Hot Chili Peppers: Die Popmusik hat die Unterschiede
zwischen laut und leise aufgegeben. Was bleibt, sind Aufnahmen
an der Grenze zum Lärm. Von Jens-Christian Rabe Die Graphik
(leider nicht reproduzierbar) zeigt in Rot die früheren nuancenreichen,
in Blau die heutigen, gegen null tendierenden Ausschläge der
musikalischen Dynamik. Eigentlich geht es nur um populäre Musik.
Wenn man es ganz genau nimmt, sogar nur um deren Klangqualität.
Die Fronten
allerdings sind längst so verhärtet, dass in Amerika von einem
Krieg gesprochen wird.
Dem Lautheits-Krieg.
Geführt wird er ziemlich still hinter den Kulissen der Musikindustrie
- und wenn man den pessimistischeren Beobachtern glaubt, dann
ist der "War of Loudness" jetzt verloren. "Der Tod von High-Fidelity
- Im mp3-Zeitalter ist die Soundqualität schlechter als je zuvor"
titelte das amerikanische Musikmagazin Rolling Stone in seiner
Ausgabe
zum Jahreswechsel.
Die Verlierer
sind die Toningenieure, die Musikproduzenten und die klanglich
anspruchsvollen Hörer,
gewonnen
haben, vielleicht, vorerst die Plattenfirmen und gar nicht wenige,
vor allem jüngere Pop-Künstler und Bands. Deutsche Popmusik-
Tausend Tränen tief mehr... Im Zentrum des Streits steht die
kompromisslos auf die Spitze getriebene sogenannte "Kompression",
also die akustische Verdichtung von zeitgenössischer Popmusik.
Diese hat meist eine eklatante Pegelanhebung der leisen und
eine rigorose Pegelsenkung der lauten Passagen eines Songs zur
Folge. Leise Töne werden lauter geregelt, laute abgedämpft.
Die Folge:
Es geht verloren, was seit jeher neben der Tonhöhenveränderung
eines der wichtigsten Gestaltungsmittel von Musik ist, die unterschiedliche
Stärke, mit der die Töne gespielt werden können. "Es gibt keine
Linie mehr, keine Stimme, nichts." All das also, woraus die
"Dynamik" eines Stücks entsteht und wofür die notierte Musik
ein festes Repertoire an Stärkegraden (von fortissimo bis pianissimo)
und Ausdrucksbezeichnungen (von amabile/liebenswürdig bis zu
tremolando/zitternd) besitzt. Das Ergebnis der jüngsten Entwicklungen
brachte im Verlauf der amerikanischen Diskussion Bob Dylan mit
den Worten auf den Punkt: "Moderne Produktionen klingen grauenhaft,
weil sie nur noch aus Sound bestehen.
Es gibt
keine Linie mehr, keine Stimme, nichts. Alles ist statisch."
Und Donald Fagen von Steely Dan, denen einige der am besten
klingenden Alben der Popmusik-Geschichte zugeschrieben werden,
sagte: "God is in the details. But there are no details anymore."
- Gott steckt in den Details. Aber es gibt keine musikalischen
Details mehr. Der erste Höreindruck allerdings, der bei stark
komprimierten Songs entsteht, wenn sie im Radio, Fernsehen,
über Ohrhörer oder kleine Computer-Lautsprecher gespielt werden,
ist einer von äußerst verblüffender Präsenz und Wucht. Die Branche
spricht etwas salopper vom "Druck", den ein so bearbeitetes
Stück vom ersten Ton an erzeugt. Diesen Effekt macht man sich
etwa im Fernsehen zunutze, um die Werbung deutlich vom Programm
abzuheben.
Unter "Loudness"
ist also zunächst weniger die Gesamtlautstärke zu verstehen,
die jeder Nutzer selbst am Volumenregler seines jeweiligen Abspielgeräts
einstellen kann, als vielmehr die psychoakustische Lautheit
von Musik. Also jene Mischung von lauten und leisen - oder vielmehr
inzwischen: nur noch etwas weniger lauten Tönen - eines Songs,
die zu Hause nicht mehr verändert werden kann. Das Problem ist
unübersehbar
Dass die
aktuellen Pop-Produktionen lauter sind als je eine Musik zuvor
und dass die Dynamikverluste mittlerweile gravierend sind, kann
man leicht hören.
Das ganze
Ausmaß der Entwicklung zeigt sich indessen erst, wenn man einen
Blick auf - als Graph in Wellenform-Struktur - visualisierte
neuere Songs wirft und sie mit graphischen Darstellungen älterer
Aufnahmen vergleicht. Wo diese starke Signalschwankungen offenbaren,
also hohe Dynamik, ist bei neueren Songs nur mehr ein breiter
Balken zu sehen, der oben und unten geringfügig ausfranst. Die
Dynamik tendiert entsprechend gegen null. Ein einmal unüberhörbar
heftiger Schlag auf ein Schlagzeug etwa geht schließlich fast
völlig unter.
Zu Hause
zuckt die LED-Anzeige der Stereoanlage nicht mehr nervös hin
und her, sondern parkt vom ersten Moment an im roten Bereich.
Besonders eklatant fallen Vergleiche zwischen alten Popsongs
aus, wenn diese für Wiederveröffentlichungen "ge-remastered",
also klanglich den neuen Produktionsstandards angeglichen werden.
Vergleicht man etwa die 1981 eingespielte Originalaufnahme des
Stücks "One of Us" von Abba mit der 2005 "ge-remasterten" Version,
ist das Problem unübersehbar. Was 1981 noch ein schmaler Streifen
in der Mitte des Graphikfensters war mit deutlichen Skala-Ausschlägen
nach oben und unten, ist 2005 nur noch ein breites Band mit
minimalen Ausschlägen.
Es füllt
aber beinahe das komplette Graphikfenster. Alle Töne des Songs
sind also mittlerweile fast gleich laut geregelt.
Die Dynamik
bewegt sich im aktuellen Pop inzwischen noch etwa im Bereich
eines Schalldruckpegels von zwei bis drei Dezibel. Der Kompressionswahn
begann in vollem Ausmaß um die Mitte der neunziger Jahre. Hatte
ein 1987 auf der Höhe der Zeit produziertes Rockalbum wie Guns’n’Roses’
"Appetite for Destruction" noch eine Dynamikspanne von rund
15 Dezibel, so waren es bei "(What’s the Story) Morning Glory"
von Oasis 1995 gerade noch acht. Auch diese Grenze überschritt
schließlich 1997 Iggy Pop mit der Neuabmischung des erstmals
1973 veröffentlichten Albums "Raw Power" seiner ehemaligen Band
The Stooges. Es war die bis dahin lauteste Rockplatte. Dynamikbefreite
Lautheit
Die Dynamik
der Platte aber betrug nach dem Eingriff gerade noch vier Dezibel.
Auch Blurs "Song 2" aus demselben Jahr wird häufig genannt,
wenn es um extreme Dynamikverarmung geht. Im Refrain ist das
Stück kaum mehr als verzerrtes Geräusch. Den vorerst letzten
Lautheits-Standard setzten zwei Jahre später die Red Hot Chili
Peppers mit ihrem Album "Californication". Auf besseren Anlagen
kommt es bei dieser Platte zu so vielen digitalen Verzerrungen,
dass sich Besitzer von High-End-Stereoanlagen vielfach beschwert
haben sollen. Unter den allerneuesten Bands ist die fast vollständig
dynamikbefreite Lautheit der britischen Arctic Monkeys bei Toningenieuren
berüchtigt. Lauter geht es nicht mehr.
WAR OF LOUDNESS - Wie man Songs verhuntzt ENGLISH
Der Hit
ihres Albums hieß "I Bet You Look Good On the Dancefloor" -
"Ich wette, du siehst auf der Tanzfläche super aus".
Übertragen
auf die Musik ist genau das einer der wesentlichen Gründe des
"War of Loudness". Denn der psychoakustische Effekt, dass "laute"
Songs im ersten Moment einen subjektiv besseren Höreindruck
hinterlassen, ist eine Tatsache. Die Ursachen dafür sind einfach:
Das menschliche Gehör ist unter den heute üblichen Bedingungen
der Popmusik-Rezeption im Auto, im rauschenden Zug, beim Joggen,
in Bars und Clubs exorbitanten Nebengeräuschen ausgesetzt. Je
höher die Lautheit eines Musikstücks jedoch ist, desto eher
werden auch hoch- und niederfrequente Signale wahrgenommen.
Und desto vollständiger erscheint zunächst der Musikgenuss.
Lauter scheint besser zu sein. Radiosender liefern sich deshalb
seit Jahren auf der ganzen Welt einen Kampf um die Lautheit.
Die Erfahrung
hat gezeigt, dass Hörer wesentlich häufiger am lautesten Sender
hängenbleiben.
Der Kunde
ist eben König Der Kehrseite ist ein eklatanter Mangel an musikalischer
Variation und, als zwangsläufige Folge, an Emotion. Der Trick
mit der Lautheit verbraucht sich zudem rasch. Auf Dauer wirkt
komprimierte Musik auf den Hörer monoton und ermüdend. In Zeiten
jedoch, in der Popmusik sich ihre Aufmerksamkeit erkämpfen muss,
weil eine Tradition aufmerksamen Musikkonsums abgerissen sei
und sich die Hörer zudem an den Klang massiv komprimierter und
völlig flach klingender mp3-Musikdateien gewöhnt hätten, wie
der ehemalige Virgin-USA-Chef Matt Serletic im Rolling Stone
bedauert - in solchen Zeiten hat es der gute, dynamische Klang
schwer.
Selbst die
jüngsten Sampler so berühmter Pop-Künstler wie Led Zeppelin
oder Elvis Presley wurden zuletzt extrem laut "ge-remastert",
um im Auto
mit der Lautheit aktueller Chart-Musik konkurrieren zu können.
"Es ist", so der amerikanische Musik-Professor Daniel Levitin,
"als betrachte man einen echten Kandinsky durch eine Sonnenbrille."
Einzig Superstars wie Bob Dylan und Norah Jones wagten auf ihren
jüngsten Alben, die Lautheitsstandards zu ignorieren. Zwar schlossen
sich amerikanische Produzenten und Tonmeister um den Grammy-gekrönten
Toningenieur Charles Dye im vergangenen August zu der Organisation
"Turn Me Up!" zusammen. Ihr Ziel: Die Dynamik zurück in die
Popmusik zu bringen. Die Erfolgsaussichten solcher Initiativen
aber beurteilt nicht nur Werner Krumme skeptisch. Der Toningenieur
und Chef der Berliner Planet Roc Studios, eines der größten
und wichtigsten deutschen Pop-Studios, glaubt, dass die Entwicklung
vorerst nicht mehr umkehrbar sei. Schön sei es nicht, aber der
Kunde eben König.
"Die Plattenfirmen
erwarten inzwischen, dass ein neuer Song von der ersten Sekunde
so laut ist wie etwa der letzte Hit der amerikanischen Metalband
Limp Bizkit.
Wie das
Lied am Schluss klingt, interessiert keinen. Fachleute werden
wegrationalisiert Ein Song muss von der ersten Sekunde an konkurrenzfähig
sein. Was leise anfängt, wird grundsätzlich schlechter beurteilt."
Es höre sich bei den Labels auch kein Verantwortlicher mehr
ein ganzes Album an, bevor er Entscheidungen treffe. "Was nicht
sofort knallt, hat keine Chance auf dem Markt", bestätigt Krummes
Partner Christian Bader. Privat hören Krumme und Baader nur
noch alte CDs von Zappa, Miles Davis und Pink Floyd. Das dritte
Album der hochgeschätzten französischen Indie-Popband Phoenix,
das in den Planet Roc Studios aufgenommen wurde, kann Krumme
nach deren rigorosem Remastering nicht mehr an einem Stück hören.
Die Platte sei viel zu laut, zu Tode komprimiert. Patrik Majer,
seit seiner Zusammenarbeit mit der erfolgreichen jungen deutschen
Band Wir sind Helden einer der begehrtesten deutschen Pop-Produzenten,
sieht die Lage kaum günstiger:
"Der Pegel
steht. Die Musik atmet nicht mehr natürlich."
Das Problem
sei, dass auch bei den großen Plattenfirmen die produktionstechnisch
kompetenten Fachleute inzwischen wegrationalisiert worden seien.
"Noch vor zehn Jahren hatten viele Major-Plattenfirmen ein eigenes
Mastering-Studio samt den technischen Experten, die die letzte
Instanz in allen Recordingfragen waren. Diese Studios wurden
im Laufe der Krise der Branche alle dichtgemacht oder verkauft.
Heute entscheiden Leute ohne technische Kompetenz meist nur
noch rein subjektiv." Höchste klangliche Qualitätsansprüche
könne man sich vielleicht noch im Jazz erlauben, im Pop zwinge
der Markt zur Soundkonformität. Aber selbst im Jazz sind die
Probleme mit der Kompression nicht unbekannt. Der Münchner Manfred
Eicher, 2002 bei den Grammys, des wichtigsten Musikpreises der
Welt, als bester klassischer Musikproduzent des Jahres ausgezeichnet,
sieht gar eine ernste Krise der Klangstandards:
"Auch im
Jazz wird eine Menge Musik längst so produziert, dass sie einen
geradezu anspringt. Alles wird bis zum Stehkragen hochgefahren."
Dynamik-Manipulationen
in der Klassik Manfred Eicher fordert deshalb dringend eine
Debatte. Das finale Argument manch eines seiner erschöpften
Kollegen, dass rein kommerziell orientierte Plattenfirmenmanager
mittlerweile unerbittlichen Druck ausüben auf Toningenieure
und Produzenten, lässt er nicht gelten. Kein Produzent dürfe
seine musikalischen Ideale verraten. "Maßstab bei der Musikaufnahme
müssen immer inhaltliche Fragen bleiben, nicht die Forderungen
der Plattenindustrie oder Radios." Als sein eigener Chef - er
leitet das von ihm selbst 1969 gegründete und international
berühmte Jazz-, Neue-Musik und Klassik-Label ECM - ist er freilich
in einer weit komfortableren Situation als so manch anderer.
In der klassischen
Musik ist das Problem bislang noch nicht annähernd so virulent
wie im Pop oder Jazz. Dennoch holt auch der Stuttgarter Tonmeister
Andreas Neubronner tief Luft, wenn man ihn nach dem "War of
Loudness" fragt - und nach dessen Relevanz in der Produktion
klassischer Musik. Neubronner, der das renommierte Tritonus-Studio
mitbetreibt, hat für die Aufnahme von Gustav Mahlers Siebter
Symphonie mit dem Symphonie-Orchester San Francisco soeben seinen
fünften Grammy erhalten. Dynamik-Manipulationen gehören jedoch
selbst für ihn zum Geschäft. Sie liegen sogar in der Natur der
Sache. Ein herausragendes klassisches Symphonie-Orchester bringt
Dynamikabstände von 60 bis 70 Dezibel hervor. Technisch sauber
auf eine CD übertragen lässt sich allerdings allenfalls eine
Dynamik von 60 Dezibel.
In einem
gewöhnlichen Wohnzimmer herrscht ein Grundgeräusch von circa
40 Dezibel. Das Kompromiss-Dilemma Wenn also die gesamte Dynamik
einer Klassik-CD ausgespielt werden sollte, müsste der Schwankungsbereich
von 60 Dezibel zu diesen 40 Dezibel hinzugerechnet werden. Dann
käme man zu Hause auf Lautstärken von 100 Dezibel. Eine Lautstärke
von 110 gilt als gesundheitsgefährdend. 120 Dezibel laut ist
ein Start eines Kampfflugzeugs aus etwa zehn Metern Entfernung.
Die Frage lautet also auch für Neubronner: "Wo fangen wir an,
die Dynamik einzuengen?" Wichtig sei deshalb, sich im Klaren
darüber zu sein, für wen die Musik produziert werde:
"Für den
klassikaffinen Autofahrer, den durchschnittlich anspruchsvollen
Hörer zu Hause, den Audiophilen mit einer Zehntausend-Euro-Stereoanlage
oder für das Klassik-Radio, das inzwischen nur noch eine Dynamik
von gut 15 Dezibel zulässt?"
Genau hier
beginnt auch in der Klassik das Kompressions-Dilemma. Es wird
jedoch in der Regel noch immer äußerst behutsam vorgegangen.
Der Grund dafür sind denkbar unterschiedliche Klangideale. Während
es im Pop um die Erfindung neuer, überraschender, möglichst
noch nie gehörter Sounds geht, für die jedes Druckmittel recht
ist - man denke etwa an Chers bizarr manipulierte Vocoder-Stimme
oder an die brutal verzerrten elektronischen Klänge der Pariser
Elektro-Hipster Justice -, geht es in der Klassik meistens noch
um die naturtreue und so zwangläufig hochdynamische Wiedergabe
einer Aufführung. Andreas Neubronner hofft deshalb, dass sich
in der Klassikbranche die Standards der Reproduktionstechnik
noch eine Weile hochhalten lassen.
Die schleichende
Veränderung, genauer gesagt: Verarmung dessen, was man hört
und hören kann, mache allerdings auch vor dem Klassikpublikum
nicht halt. "Es ist eigentlich grausig", sagt Neubronner, "wir
leben in einer Zeit, die immer lauter wird. Die im Vergleich
zu früher beinahe unglaubliche Klangqualität, die wir heute
anbieten können, wird gar nicht mehr nachgefragt. Längst müssen
wir uns auf etwas, das leise ist, wirklich einlassen. Dazu ist
kaum noch jemand bereit."
(Süddeutsche
Zeitung vom 18.1. 2008/kur)
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ist der Text noch hier ersichtlich *weil er einfach so gut ist*
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